Holzfasern bis zum Kleiderbügel nachweisen
Sektor: Sekundärer Sektor · Branche: Textil- und Bekleidungsindustrie · Unternehmen: Lenzing AG · Reifegrad: production
Die österreichische Lenzing AG gibt gemeinsam mit dem Hongkonger Unternehmen TextileGenesis beim Faserversand digitale Token, sogenannte Fibercoins, in direktem Verhältnis zur ausgelieferten Menge TENCEL und LENZING ECOVERO aus. Jede nachgelagerte Stufe überträgt die Token gemeinsam mit der Ware, sodass niemals mehr Markenfaser deklariert werden kann, als Lenzing tatsächlich geliefert hat. Die Plattform startete am 5. November 2020 und ist nach Angaben von Fashion for Good in mehr als 1.500 Lieferketten der Modeindustrie im Einsatz.
Beschreibung
Die österreichische Lenzing AG weist gemeinsam mit dem Hongkonger Unternehmen TextileGenesis nach, wie viel ihrer Markenfasern tatsächlich in einem Kleidungsstück steckt. Zwischen Faserhersteller und Handel liegen Spinnerei, Weberei, Veredelung und Konfektion in verschiedenen Ländern, wobei Markenfasern auf dem Weg verschnitten oder durch billigere Alternativen ersetzt werden. Weil herkömmliche Zertifikate sich auf Betriebe und nicht auf konkrete Warenmengen beziehen, ließ sich eine Nachhaltigkeitsaussage bisher physisch nicht überprüfen.
Lenzing setzt die Technologie seit 2019 in Pilotprojekten ein und nahm die Plattform am 5. November 2020 für die Marken TENCEL und LENZING ECOVERO in Betrieb. Das Verfahren funktioniert über sogenannte Fibercoins: Beim Faserversand gibt Lenzing digitale Token in direktem Verhältnis zur physisch ausgelieferten Menge aus. Jede nachgelagerte Stufe überträgt diese Token gemeinsam mit der Ware weiter, sodass die Mengenbilanz über die gesamte Kette erhalten bleibt und niemals mehr Markenfaser deklariert werden kann, als tatsächlich geliefert wurde. Ergänzt wird das Verfahren durch die Lenzing-E-Branding-Stoffzertifikate, die an kritischen Punkten der Kette zusätzliche Prüfpunkte setzen. Nach Angaben von Fashion for Good ist die Plattform in mehr als 1.500 Lieferketten der Modeindustrie im Einsatz; TextileGenesis beteiligt sich zudem am Viscose-Traceability-Projekt von Fashion for Good mit BESTSELLER und Kering und mit Unterstützung von Zalando. Der entscheidende Unterschied zu klassischen Zertifizierungen liegt darin, dass nicht ein Betrieb, sondern eine konkrete Warenmenge nachgewiesen wird.
Perspektiven
Perspektive B2B — Unternehmen
Für Modemarken und Handelsunternehmen bedeutet das Verfahren, dass sich Nachhaltigkeitsaussagen auf eine prüfbare Mengenbilanz statt auf Betriebszertifikate stützen lassen. Rohstoffhersteller in anderen Branchen mit vielstufiger Weiterverarbeitung können das Token-Prinzip übernehmen, um Falschdeklaration ihrer Markenmaterialien rechnerisch auszuschließen.
Perspektive B2C — Privatpersonen
Für Käuferinnen und Käufer von Kleidung steigt die Belastbarkeit von Nachhaltigkeitsaussagen, weil die eingesetzte Fasermenge rechnerisch nachweisbar ist. Der Nachweis wirkt dabei über die Marke und nicht über eine eigene Anwendung für Endkunden.
Perspektive Mitarbeitende
In Materialeinkauf und Qualitätssicherung verschiebt sich die Arbeit von der Sammlung von Betriebszertifikaten zur Auswertung einer durchgängigen Mengenbilanz. Für Verarbeitungsbetriebe entsteht die zusätzliche Aufgabe, Token gemeinsam mit der Ware weiterzureichen und dabei die Zuordnung zur physischen Charge zu wahren.
Vorteile
Allgemein
- Markenfasern werden mengenscharf statt nur betriebsbezogen nachgewiesen.
- Falschdeklaration wird rechnerisch unmöglich, weil nie mehr Token als Ware existieren.
- Die Plattform ist nach Angaben von Fashion for Good in mehr als 1.500 Lieferketten im Einsatz.
- Die Lenzing-E-Branding-Stoffzertifikate ergänzen den digitalen Nachweis an kritischen Punkten.
B2B — Unternehmen
- Belastbare Grundlage für Nachhaltigkeitsaussagen gegenüber Handel und Aufsicht.
- Schutz der eigenen Markenfasern vor Substitution durch billigere Alternativen.
B2C — Privatpersonen
- Belastbarere Nachhaltigkeitsaussagen beim Kleidungskauf.
Mitarbeitende
- Durchgängige Mengenbilanz statt isolierter Betriebszertifikate.
- Klarere Entscheidungsgrundlage im Materialeinkauf.
Herausforderungen
Allgemein
- Alle Verarbeitungsstufen von der Spinnerei bis zur Konfektion müssen teilnehmen, damit die Bilanz geschlossen bleibt.
- Die Zuordnung zwischen physischer Charge und Token muss an jeder Stufe gewahrt werden.
- Der Nachweis gilt für die Menge, nicht für die physische Identität einer einzelnen Faser.
B2B — Unternehmen
- Die Anbindung vieler kleiner Verarbeitungsbetriebe in verschiedenen Ländern ist aufwendig.
Mitarbeitende
- Verarbeitungsbetriebe müssen die Token-Weitergabe verlässlich in ihre Abläufe integrieren.
Technologische Grundlage
Die Lösung basiert auf der TextileGenesis-Plattform, die blockchain-gestützte Token, sogenannte Fibercoins, als digitales Abbild einer physisch ausgelieferten Fasermenge ausgibt. Ein verteiltes Register ist hier der Kern, weil die Token über viele unabhängige Verarbeitungsstufen in verschiedenen Ländern weitergereicht werden und keine dieser Stufen die Mengenbilanz nachträglich verändern können soll.
Umsetzungsbeispiele
Fibercoin-Rückverfolgung für TENCEL und LENZING ECOVERO (Lenzing AG, Textil- und Bekleidungsindustrie)
Lenzing gibt beim Faserversand gemeinsam mit TextileGenesis digitale Token in direktem Verhältnis zur ausgelieferten Menge TENCEL und LENZING ECOVERO aus. Jede Verarbeitungsstufe reicht die Token mit der Ware weiter, sodass die Mengenbilanz über die gesamte Kette erhalten bleibt.
Quellen: New level of transparency in the textile industry: Lenzing introduces blockchain-enabled traceability platform · Meet the Innovator: TextileGenesis
Tags
Textil, Faserherkunft, Mengenbilanz, Digitale Token, Nachhaltigkeit, Lieferkette
Quellen
- New level of transparency in the textile industry: Lenzing introduces blockchain-enabled traceability platform — Lenzing AG, Pressemitteilung
- Meet the Innovator: TextileGenesis — Fashion for Good, Artikel