Strom- und Gasgroßhandel ohne zentrale Handelsplattform abwickeln
Sektor: Tertiärer Sektor · Branche: Energieversorger · Unternehmen: PONTON GmbH · Reifegrad: production
Die Hamburger PONTON GmbH betreibt mit Enerchain ein dezentrales Orderbuch, über das europäische Energiehandelshäuser Strom- und Gasgeschäfte direkt untereinander abschließen können. Über 40 Handelsunternehmen, darunter Enel und RWE, beteiligten sich an der Erprobung; 23 Versorger finanzierten die Finalentwicklung mit jeweils 20.000 Euro. Das zugrunde liegende Framework WRMHL erreicht eine Blockzeit von unter einer Sekunde und eine durchschnittliche Konsensdauer von rund 200 Millisekunden.
Beschreibung
Die Hamburger PONTON GmbH hat mit Enerchain ein dezentrales Orderbuch für den europäischen Strom- und Gasgroßhandel aufgebaut, an dem sich über 40 Handelsunternehmen beteiligt haben. Bislang laufen Geschäfte im außerbörslichen Energiehandel über Broker und Börsen, was Gebühren verursacht und die Teilnehmer von zentralen Betreibern abhängig macht. Über das verteilte Register senden Händler anonyme Orders direkt an die anderen Teilnehmer und schließen ohne Vermittler ab.
Der erste europäische Energiehandel über eine Blockchain wurde im Oktober 2016 auf der EMART-Konferenz in Amsterdam durchgeführt; ab Mai 2017 folgte eine Proof-of-Concept-Phase mit 44 europäischen Energiehandelsunternehmen. Technische Grundlage ist das von PONTON entwickelte Framework WRMHL, das ein dezentrales Orderbuch trägt und mit einer Blockzeit von unter einer Sekunde sowie rund 200 Millisekunden durchschnittlicher Konsensdauer handelstaugliche Latenzen erreicht. Händler senden anonyme Orders in das verteilte Orderbuch, das alle anderen Teilnehmer einsehen können, und schließen anschließend bilateral ab, ohne dass eine Börse oder ein Broker dazwischensteht. Für die Finalentwicklung zahlten 23 Versorger jeweils 20.000 Euro ein, und Unternehmen wie Enel und RWE nahmen nach der Testphase den Live-Handel auf. Der Ansatz zeigt, dass ein verteiltes Register die Latenzanforderungen eines echten Handelsmarktes erfüllen kann, was lange als Ausschlusskriterium galt. Später verlagerte PONTON den Projektschwerpunkt auf Enerchain Local für Energiegemeinschaften, weshalb der heutige Betriebszustand der Großhandelsplattform aus den geprüften Quellen nicht eindeutig hervorgeht.
Perspektiven
Perspektive B2B — Unternehmen
Für Energiehandelshäuser bedeutet Enerchain, dass bilaterale Abschlüsse ohne Broker- oder Börsengebühren möglich werden und die Abhängigkeit von einzelnen Plattformbetreibern sinkt. Unternehmen in anderen außerbörslich gehandelten Märkten können daraus ableiten, unter welchen Latenz- und Liquiditätsbedingungen ein dezentrales Orderbuch überhaupt tragfähig ist.
Perspektive Mitarbeitende
Händlerinnen und Händler arbeiten weiterhin mit einem Orderbuch, aber ohne Vermittler im Abschlussweg, was die nachgelagerten Bestätigungs- und Abstimmungsschritte verändert. In IT und Handelsunterstützung entsteht die neue Aufgabe, einen eigenen Netzwerkknoten zu betreiben und an die bestehenden Handels- und Risikosysteme anzubinden.
Vorteile
Allgemein
- Bilaterale Abschlüsse sind ohne Broker- oder Börsengebühren möglich.
- Die Teilnehmer bleiben beim Ordereinstellen anonym und handeln direkt miteinander.
- Mit einer Konsensdauer von rund 200 Millisekunden erreicht das Register handelstaugliche Latenzen.
- Die Governance liegt bei den Marktteilnehmern selbst statt bei einem zentralen Plattformbetreiber.
B2B — Unternehmen
- Geringere Transaktionskosten im außerbörslichen Energiegroßhandel.
- Weniger Abhängigkeit von einzelnen Handelsplatzbetreibern.
Mitarbeitende
- Direkter Abschlussweg ohne Vermittler verkürzt die nachgelagerte Abstimmung.
- Neue Kompetenzfelder im Betrieb verteilter Handelsinfrastruktur.
Herausforderungen
Allgemein
- Ein dezentrales Orderbuch funktioniert nur, wenn genügend Handelshäuser mitmachen und Liquidität entsteht.
- Der heutige Betriebszustand der Großhandelsplattform ist aus den geprüften Quellen nicht eindeutig belegbar.
- Die Anbindung an bestehende Handels- und Risikosysteme der Teilnehmer verursacht erheblichen Integrationsaufwand.
B2B — Unternehmen
- Ohne zentralen Handelsplatz müssen Gegenparteirisiken bilateral abgesichert werden.
Technologische Grundlage
Enerchain läuft auf dem von PONTON entwickelten Framework WRMHL, das als verteiltes Register ein dezentrales Orderbuch trägt und eine Blockzeit von unter einer Sekunde sowie eine durchschnittliche Ende-zu-Ende-Konsensdauer von rund 200 Millisekunden erreicht. Diese Latenz ist die Voraussetzung dafür, dass ein verteiltes Register für den Energiehandel überhaupt in Frage kommt, weil Orders sonst schneller veralten als sie bestätigt werden.
Umsetzungsbeispiele
Enerchain Peer-to-Peer-Handel im europäischen Energiegroßhandel (PONTON GmbH, Energieversorger)
PONTON betreibt mit Enerchain ein dezentrales Orderbuch, über das europäische Energiehandelshäuser Strom und Gas direkt untereinander handeln. Mehr als 40 Handelsunternehmen beteiligten sich, Enel und RWE nahmen den Live-Handel auf.
Quellen: Enerchain · Enerchain P2P Trading Project · First European energy trade over the blockchain · Europe's biggest utilities join Blockchain Energy Trading trial
Tags
Energiehandel, Dezentrales Orderbuch, Großhandel, Peer-to-Peer, Verteiltes Register
Quellen
- Enerchain — PONTON GmbH, Pressemitteilung
- Enerchain P2P Trading Project — PONTON GmbH, Pressemitteilung
- First European energy trade over the blockchain — PONTON GmbH, Pressemitteilung
- Europe's biggest utilities join Blockchain Energy Trading trial — Gulf News, Artikel